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Die Schilddrüse – kleines Organ mit großer Wirkung

Prim. Dr. Josef Dierneder erklärt ihre Funktion, Warnsignale und wie man sie gesund hält.

Welche Aufgaben hat die Schilddrüse im Körper und warum ist sie so wichtig für unsere Gesundheit?
JOSEF DIERNEDER: Die Schilddrüse ist ein kleines, aber zentrales Steuerorgan, das viele Stoffwechselprozesse im Körper mitreguliert. Sie liegt schmetterlingsförmig vor der Luftröhre, besteht aus zwei Seitenlappen und einem verbindenden Stück – dem sogenannten Isthmus. Schon ab der 10. Schwangerschaftswoche beginnt die kindliche Schilddrüse, also die des Fötus, Jod aufzunehmen und produziert kurz darauf ihre ersten eigenen Schilddrüsenhormone. Diese Hormone beeinflussen praktisch alle Bereiche unseres Stoffwechsels: von Zucker, Fett und Eiweiß über die Knochen, die Fortpflanzungsorgane bis hin zur Entwicklung des Nervensystems. Je nachdem, wie gut oder schlecht die Schilddrüse arbeitet, wirkt sich das auf Wachstum, Gewicht, Herzfrequenz, Blutdruck, Verdauung, Haut, Stimmung, Libido oder auch die Knochendichte aus.

Statistisch gesehen hat etwa jede dritte Person ein Schilddrüsenproblem. Das kann eine Fehlfunktion sein, eine Autoimmunerkrankung wie Morbus Basedow oder Hashimoto, knotige Veränderungen oder – sehr selten – eine akute Entzündung oder ein bösartiger Prozess. Etwa jede zweite Person über 60 hat Schilddrüsenknoten. Frauen sind insgesamt deutlich häufiger betroffen als Männer.

Welche Symptome können darauf hinweisen, dass die Schilddrüse nicht richtig arbeitet?
JOSEF DIERNEDER: Die Beschwerden sind sehr vielfältig und werden häufig lange nicht mit der Schilddrüse in Verbindung gebracht. Oft merkt man erst bei ausgeprägteren Störungen, dass etwas nicht stimmt.

Typische Anzeichen für eine Überfunktion sind z. B.:

  • Gewichtsverlust trotz gutem Appetit
  • Herzrasen und hoher Blutdruck
  • Nervosität, Zittern, Schlafprobleme
  • Schwitzen, feuchte Haut
  • Durchfall
  • bei Frauen: stärkere oder häufigere Regelblutungen

Bei einer Unterfunktion ist es eher umgekehrt:

  • Gewichtszunahme ohne erklärbaren Grund
  • verlangsamter Herzschlag
  • Kältegefühl
  • Zyklusveränderungen
  • Erschöpfung, depressive Verstimmungen
  • Müdigkeit und Verstopfung

Gibt es Möglichkeiten zur Vorsorge, um die Schilddrüse gesund zu halten?
JOSEF DIERNEDER: Schilddrüsenerkrankungen entstehen meist durch ein Zusammenspiel vieler Faktoren – wir nennen das „multifaktoriell“. Dazu zählen:

  • familiäre Veranlagung
  • Mangel an bestimmten Vitaminen und Spurenelementen
  • Umwelteinflüsse wie Strahlung
  • bestimmte Medikamente (z. B. Lithium oder Amiodaron)
  • hormonelle Schwankungen
  • psychischer Stress

Diese Faktoren lassen sich nicht alle beeinflussen – aber wenn man beispielsweise Stress reduziert, sich ausgewogen ernährt und auf eine gute Nährstoffversorgung achtet, kann man die Schilddrüse durchaus unterstützen.

Welche Rolle spielt die Ernährung dabei?
JOSEF DIERNEDER: Die Schilddrüse braucht bestimmte Nährstoffe, um gut arbeiten zu können. Dazu gehören vor allem Jod, Selen, Eisen und Vitamin D. Auch Zink, Vitamin A und B-Vitamine spielen eine Rolle.

Bei gesunder, abwechslungsreicher Ernährung bekommt der Körper das meist ausreichend. Ist das nicht der Fall – etwa durch besondere Diäten oder eine Aufnahmestörung – kann man diese Stoffe gezielt zuführen.

Bei Hashimoto wird oft eine glutenfreie Ernährung diskutiert. Manche Betroffene berichten über eine Besserung, wissenschaftlich ist das aber noch nicht eindeutig belegt.

Wie werden Schilddrüsenerkrankungen diagnostiziert? Welche Untersuchungen stehen zur Verfügung?
JOSEF DIERNEDER: Am Anfang steht das Gespräch – also die Anamnese. Hier frage ich nach Beschwerden, Vorerkrankungen, familiärer Belastung und den eingenommenen Medikamenten. Dann folgt eine körperliche Untersuchung inklusive Abtasten der Schilddrüse.

Im Labor schauen wir auf die Hormonwerte (TSH, fT3, fT4) und ggf. Antikörper (anti-TPO, anti-TG, TRAK), um eine Autoimmunerkrankung zu erkennen. Bei Verdacht auf Krebs bestimmen wir zusätzlich Tumormarker.

Der Ultraschall gibt uns ein Bild von Größe, Struktur und eventuellen Knoten. Mit der sogenannten Dopplersonographie können wir auch die Durchblutung der Schilddrüse beurteilen.

Falls Knoten größer als 1 cm sind oder eine Überfunktion vermutet wird, machen wir zusätzlich eine Szintigrafie. Dabei wird eine schwach radioaktive Substanz (Tc99m-Pertechnetat) in die Vene gegeben – sie zeigt, wie aktiv einzelne Bereiche der Schilddrüse sind. Knoten, die keine Aktivität zeigen („kalte Knoten“), können in einigen Fällen bösartig sein und sollten weiter abgeklärt werden – z. B. durch eine Feinnadelbiopsie. Nur in Ausnahmefällen ist eine CT-Untersuchung nötig.

Welche Behandlungsoptionen gibt es bei einer Fehlfunktion der Schilddrüse?
JOSEF DIERNEDER: Wenn die Schilddrüse normal arbeitet, aber Knoten vorhanden sind, beobachten wir meist nur regelmäßig.

Bei Unterfunktion verabreichen wir Schilddrüsenhormone – meist lebenslang. Bei Überfunktion setzen wir Medikamente (Thyreostatika) ein, die die Hormonproduktion bremsen. Diese werden in der Regel über zwölf Monate in ausschleichender Dosierung gegeben und dann abgesetzt. Falls keine Besserung oder die Überfunktion erneut eintritt, kann eine Operation oder in selteneren Fällen eine Radiojodtherapie notwendig sein.

Bei autonomen, also selbstständig arbeitenden Knoten behandeln wir zunächst meist auch medikamentös, eine definitive Maßnahme wie OP, Radiojodtherapie oder Verödung ist hier aber eher unumgänglich.

Nach einer Schilddrüsenkrebserkrankung wird die Hormondosis zumindest für einen gewissen Zeitraum höher angesetzt, um mögliche Rückfälle zu vermeiden.

Bei entzündlichen Erkrankungen wie der Thyreoiditis de Quervain, einer vorübergehenden Entzündung der Schilddrüse, kommen entzündungshemmende Medikamente zum Einsatz.

Andere naturheilkundliche Mittel wie Selen, Jod oder Vitamin D können unterstützend gegeben werden – ersetzen aber keine medizinische Behandlung.

Wie wirkt sich ein stressiger Lebensstil oder belastende Situationen auf die Funktion der Schilddrüse aus?
JOSEF DIERNEDER: Dass Stress die Schilddrüse beeinflusst, ist schulmedizinisch belegt. Bei Morbus Basedow etwa sieht man, dass ein gutes Stressmanagement den Verlauf positiv beeinflussen kann.

Auch das Immunsystem reagiert empfindlich auf Dauerstress – und da viele Schilddrüsenerkrankungen Autoimmunprozesse sind, könnte das eine Rolle spielen, vor allem bei entsprechender Veranlagung.

Aus ganzheitlicher oder psychosomatischer Sicht sieht man Schilddrüsenerkrankungen oft in einem noch weiteren Zusammenhang: Da geht es etwa um das Gefühl, funktionieren zu müssen, sich nicht ausdrücken zu können oder das eigene Leben nicht zu leben. In solchen Konzepten spielen neben Massagen, Atem- oder Stimmübungen, auch Themen wie Trauma-Aufarbeitung oder Familienmuster. eine Rolle. Wissenschaftlich ist das schwer zu belegen – aber wenn es dem subjektiven Wohlbefinden dient, ist das aus meiner Sicht durchaus positiv. Wichtig ist nur: Die Schulmedizin sollte dabei nie vernachlässigt werden.

Wir bedanken uns für das Interview mit Prim. Dr. Josef Dierneder, dem Leiter der nuklearmedizinischen Abteilung des Ordensklinikum Linz

 

 

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